

100 Vorlesestunden hat der 7-jährige Markus Kopp bei den Lesefüchsen verbracht. Dafür hat er von uns Buchgeschenke und eine Urkunde überreicht bekommen. Und er hat sich auf ganz besondere Weise bedankt: Gemeinsam mit seiner Mutter hat Markus seinen Vorleserinnen eine eigene, märchenhafte Geschichte geschrieben, von der wunderbaren Welt der Bücher und des Vorlesens. Hier ist sie:
Ein Herz voller Geschichten
von Markus und Aniko Kopp
Es war einmal ein kleiner Junge, der brauchte Geschichten und er brauchte es, vorgelesen zu bekommen. Nun meint Ihr sicherlich, das sei ja nun nichts Außergewöhnliches, alle Kinder lieben es doch, Geschichten vorgelesen zu bekommen. Aber bei diesem Jungen war es anders. Man musste ihm ununterbrochen eine Geschichte nach der anderen vorlesen, und er sagte sofort „Lies mir bitte noch eine vor!”, sobald eine Geschichte vorbei war. Am Anfang haben das auch alle gerne gemacht, seine Mutter, sein Vater, seine Oma und sein Opa lasen ein Buch nach dem anderen vor, Tag und Nacht, Woche für Woche. Aber der Junge war nie zufrieden, es war nie genug. So viel ihm seine Familie auch vorgelesen hat, er wollte immer noch mehr.
Und so wurde seine Familie langsam müde. Nach und nach schliefen sie beim Vorlesen vor lauter Erschöpfung ein. Als erstes traf es den Opa, sein Kopf sank während des Vorlesens langsam auf das Buch und er schlief ein. Dann war die Oma so erschöpft, dass ihr das Buch aus der Hand fiel und sie im Sitzen einschlief. Der Vater las noch etwas weiter. Aber auch er konnte irgendwann nicht mehr. Er schlief mitten im Satz ein und schnarchte nur noch laut. Und ein paar Tage später war es dann auch um die Mutter geschehen. Ihre Augen waren vom vielen Vorlesen so müde geworden, dass sie sie nicht mehr aufhalten konnte. Sie fielen einfach zu und die Mutter schlief tief und fest ein.

Der Junge versuchte erst noch, seine Familie zu wecken, aber er schaffte es nicht. Sie waren durch das pausenlose Vorlesen einfach so ermüdet, dass sie nicht mehr aufwachten. Er war sehr traurig, denn er wusste, dass es an seinem Wunsch nach ständigem Vorlesen lag, dass seine Familie nun so fest schlief. Aber er konnte dennoch nicht aufhören, er musste weiter vorgelesen kriegen.
So machte sich der Junge auf den Weg in die weite Welt auf der Suche nach jemandem, der ihm vorlesen konnte. Er suchte in vielen Ländern und an vielen Orten, aber nirgendwo fand er einen Vorleser, der ausdauernd genug für ihn gewesen wäre. Nach einiger Zeit gelangte er in eine große Stadt, dort hörte er von einem verzauberten Ort, an dem es Geschichten ohne Ende geben sollte. Er suchte und fragte dabei jeden, den er traf und so wurde er dann endlich fündig. Er fand den verzauberten, wunderschönen Ort, voll von hunderten, ja tausenden von Büchern, über und über voll mit unendlich vielen Geschichten. An diesem Ort arbeiteten viele sehr gescheite Leute, die alle diese Geschichten kannten und immer wieder neu sortierten. Sie passten auf, dass keine Geschichte verloren ging und dass alle gut gepflegt waren. Der Junge fand den Ort wundervoll und verbrachte viel Zeit dort.

Aber das Tollste an dem Ort waren zwei Zauberinnen. Sie hatten die Gabe, die Geschichten zum Leben zu erwecken. Die Leute kamen von weit her, um ihnen zuzuhören, und wenn sie lasen, dann sahen die Zuhörer die Bilder aus den Geschichten vor ihren Augen, so als wären sie Wirklichkeit. Der Junge war völlig fasziniert! Und als er die Zauberinnen ansprach und sie fragte, ob sie im vorlesen konnten, sahen die zwei ihn sehr lange an. Dann sagte die eine zu ihm, „Ich sehe, du hast schon sehr, sehr viele Geschichten gehört. Aber Dein Herz ist immer noch leer”. Und die zweite Zauberin meinte, „Keine Frage, du bist verwunschen! Keine Geschichte konnte Dich bisher glücklich machen, denn keine Geschichte bleibt in deinem Herzen. Du bist schon immer auf der Suche und wirst es auch weiter bleiben.”
Da fing der Junge an zu weinen. Nun wusste er endlich, was mit ihm los war und warum er niemals genug vom Vorlesen kriegen konnte. Und er war traurig wegen seiner Familie, die sich in einen so tiefen Schlaf gelesen hatte, nur weil er verwunschen war. „Bitte, bitte helft mir, liebe Zauberinnen. Ich möchte endlich wieder meine Familie erwecken, ich möchte mit anderen Kindern spielen und einfach nur die Sonne genießen können.” Da hatten die weisen Frauen Mitleid mit ihm und sprachen: „Deinen Fluch zu brechen wird auch für uns nicht einfach sein. Du wirst sehr geduldig sein müssen. Wenn Du jede Woche zu einer bestimmten Zeit zu uns kommst und unseren Worten lauschst, dann wird mit jedem Mal dein Herz etwas voller. Und wenn du hundert Stunden unseren Geschichten zugehört hast, dann wirst Du frei sein und deine Familie auch!”
Da freute sich der Junge und versprach, Woche für Woche zu kommen. Und er hielt sein Versprechen. Jede Woche erschien er zur festgelegten Zeit und die beiden Zauberinnen lasen ihm Geschichten vor.
